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Hier wird gepaukt!


Uni-Tips, Oktober 2007

Einst waren sie in der 1848er Revolution Vorkämpfer für die Demokratie in Deutschland. Heute gelten sie nicht selten als erzkonservativ, männerbündisch, manche werden gar dem rechtsradikalen Spektrum zugeordnet. Ihre Namen klingen leicht verstaubt: Akademische Verbindung Sparrenburg im CV, Alte Leipziger Turnerschaft im Coburger Convent Hansea zu Bielefeld, Burschenschaft Normannia-Nibelungen und Corps Baltica-Borussia Danzig heißen die vier Bielefelder Verbindungen. Mal abgesehen von der katholisch orientierten Akademischen Verbindung Sparrenberg wird bei allen anderen gepaukt. Damit ist nicht nur das Lernen fürs Studium gemeint, sondern das Training fürs akademische Fechten – die Mensur.

Gemeinschaft & Verbindungen

 

„Mein Cousin war 1985 ein Gründungsmitglied der katholischen Akademischen Verbindung Sparrenberg“, erzählt Johannes Bade, der an der Fachhochschule BWL mit dem Schwerpunkt Informatik studiert. Nach einem ersten Besuch im Verbindungshaus war der 26-Jährige ganz begeistert: „Die Leute waren supernett, eine richtig funktionierende Gemeinschaft.“ Heute kümmert er sich als „Fuxmajor“ um die neuen Mitglieder. Besonders schätzt der BWL-Student den freundschaftlichen Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft, die nicht an Bielefelds Grenzen Halt macht, denn fast in jedem Winkel Deutschlands sind Mitglieder auch in den anderen Verbindungshäusern willkommen. „Die Erstsemester bekommen Unterstützung“, berichtet er. „Später helfen die Alten Herren bei Bewerbungen, Praktika oder bei der Jobsuche. Aber hierbei zählt wirklich die Leistung. Heute bekommt niemand mehr einen Job, nur weil er Verbindungsmitglied ist.“
Thomas R. hat sich 2003 für eine Mitgliedschaft in der Burschenschaft Normannia-Nibelungen entschieden. Der 27-Jährige studiert Mathe und kommt aus Leipzig. „Als ich in Bielefeld auf Zimmersuche ging, war es für mich klar, dass ich auch gern Gesellschaft hätte. Das ist ein echt gutes Gemeinschaftsgefühl hier.“ Sein Verbindungsbruder Andreas R. kam, wie er berichtet, ebenfalls über die Zimmersuche an die Burschenschaft. „Ich bin der erste in unserer Familie, der studiert. Da wollte ich auch gleich das volle Programm mitmachen“, erzählt der 24-jährige Politologiestudent. „Ich interessiere mich sehr für Geschichte. Werte wie Ehre, Freiheit und Vaterland, damit kann ich mich identifizieren.“

Patriotismus & Jogi Löw

 

Patriotismus wird bei den Normannia-Nibelungen groß geschrieben. Ein Bekenntnis zur deutschen Kultur und Sprache wird erwartet. Dabei möchte man sich aber klar von extremen Tendenzen abgrenzen. „Patriotismus ist die Liebe zu den Seinen, wohingegen Nationalismus der Hass auf andere ist“, erläutert Olaf Dieckmann, nach einem Psychologiestudium nun „Alter Herr“ in der Burschenschaft.
Die deutsche Staatsangehörigkeit, so betonen alle Bielefelder Verbindungen auf Nachfrage, ist nicht zwangsläufig Voraussetzung für eine Aufnahme. Entscheidend sei, dass derjenige in die Gemeinschaft passt. Nach einer Probezeit wird über die endgültige Aufnahme des Aspiranten entschieden. Tatsächlich handelt es sich bei allen vier Verbindungen um reine Männergesellschaften. Frauen sind zwar bei vielen Veranstaltungen gern gesehene Gäste, werden aber nicht als Vollmitglieder aufgenommen. „Es kommt ja auch keiner auf die Idee Joachim Löw zu bitten, Frauen in die Fußballnationalmannschaft aufzunehmen“, erklärt Olaf Diekmann „Im Grunde gibt es nur sehr wenige Veranstaltungen, bei denen Frauen bei uns nicht teilnehmen“, ergänzt Jörg Brinkmann, mit 44 Jahren ebenfalls „Alter Herr“ und Vorstand der Normannia-Nibelungen.

Tradition, Faszination und Selektion

 

Bei der Akademischen Vereinigung Sparrenberg, die als Aufnahmekriterien „männlich und katholisch“ angibt, spielt Religion eine wichtige Rolle. „Sie ist die Klammer, die uns verbindet - sie ist ein Teil und der Grundpfeiler“, betont Johannes Bade. „Wir gehen z. B. auch gemeinsam in die Kirche.“ Daher ist die Verbindung auch eine nichtschlagende. „Wir lehnen Gewalt grundsätzlich ab. Das ist ja auch der Lehrsatz der Katholischen Kirche“, erläutert der Fuxmajor.
Die Verpflichtung zur Mensur hat Thomas R. hingegen nicht abgeschreckt. „Für mich ist die Mensur eine Frage der Tradition, Faszination und Selektion. Sie hat sich über Jahrhunderte entwickelt und ist eine gute Gelegenheit, zu lernen über den eigenen Schatten zu springen. Ich gehe jetzt angstfreier in andere Situationen. Es stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl, denn nur wem die Burschenschaft etwas bedeutet, bleibt dabei.“ Olaf Diekmann ergänzt: „Die Mensur ist ein rein sportlicher Vergleich und kein Mittel der Konfliktlösung.“ Selten kommt es zu kleineren Schnittverletzungen wie bei Andreas R.
Die Zahl der Aktiven in den Verbindungen hält sich in Grenzen. Sie bewegt sich in etwa um die 20 Studenten, im Corps Baltica-Borussia sind es 13. Insgesamt - mit „Alten Herren“ - hat die Turnerschaft Hansea ca. 80, das Corps und die Akademische Verbindung Sparrenberg etwa 100 und die Burschenschaft Normannia-Nibelungen 120 Mitglieder. Vielleicht bleiben die Verbindungen so überschaubar, weil ihnen ein schlechter Ruf vorauseilt.

Konservative Werte

 

Der Vorsitzende der Turnerschaft Hansea positioniert sich klar: „Die Turnerschaft ist politisch ungebunden. Wir stehen fest auf dem Boden der Demokratie“, sagt Jan Christoph Störtländer. „Wenn man als rechts bezeichnet wird, weil man einen Bezug zum Vaterland hat, dann sei es so. Aus unserem Verbindungsleben sind eindeutig keine rechtsradikalen Aktivitäten bekannt.“ Johannes Bade von der Akademischen Vereinigung Sparrenberg vermutet, dass die Leute oft gar nicht wissen, was bei den Verbindungen passiert. „Sie haben dann vielleicht Extrembeispiele von einigen vor Augen, die sich daneben benehmen. Das wird dann verallgemeinert.“ Den Kontakt mit dem AStA beschreibt der BWL-Student als recht gut. Zum Teil sind auch Verbindungsbrüder im Studierendenparlament vertreten. Aber auch eine katholische Verbindung hat zuweilen mit Vorurteilen zu kämpfen. „Generell gilt die Uni ja als links, da gibt es auch wenig Verständnis für eher als konservativ geltende Werte. Wir distanzieren uns aber ganz klar von rechten Einstellungen“, betont der 26-Jährige. „In die Ecke gehören wir nicht, deshalb hat auch die Burschenschaft Normannia-Nibelungen bei uns Hausverbot.“
Auch beim Corps Baltica-Borussia haben diese Burschenschafter Hausverbot. Das habe aber vor allem etwas mit der traditionellen Rivalität zwischen Corps und Burschenschaften zu tun, wiegelt man bei den Normannia-Nibelungen ab.

Rechtslastige Referenten

In den Fokus der Öffentlichkeit ist speziell die Burschenschaft Normannia-Nibelungen aber immer wieder durch die Einladung rechtslastiger Referenten geraten. Prominentestes Beispiel: der bekennende Rechtsradikale Horst Mahler, der 1999 im Verbindungshaus an der Schloßhofstrasse einen Vortrag hielt.
„Die Referenten sollen polarisieren, repräsentieren aber nicht unsere Meinung. Wenn man ein Label für uns finden möchte, ist es wohl am ehesten wertkonservativ“, erklärt der Vorstand der Normannia-Nibelungen. „Wir haben Horst Mahler eingeladen, weil uns sein Sinneswandel – von der RAF zum Nationalismus – interessierte.“ Problematisch findet man allenfalls, dass die Auswahl der Referenten möglicherweise eine abschreckende Wirkung auf andere Vortragende haben könnte. „Wenn wir z. B. jemanden von den Grünen einladen, dann kann es sein, dass er ablehnt, weil er Druck aus den eigenen Reihen bekommt.“
In der Vergangenheit landeten schon mal Farbbeutel an der Fassade ihres Verbindungshauses und die Briefkastenanlage musste wegen eines Buttersäureanschlags ausgetauscht werden. „Eine Diskussionskultur findet mit uns nicht statt“, beklagt Andreas R. „Wir werden mit den gängigen Klischees belegt: Burschenschafter sind frauenfeindlich, rechtsradikal, Alkoholiker und kommen nur durch Seilschaften in hohen Positionen. Wer das sagt, sollte doch mal vorbeikommen, um sich selbst ein Bild zu machen!“


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