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Die Welt, 03.11.2002
Über Studentenverbindungen gibt es viele Klischees. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt jedoch, wie lebendig diese Zusammenschlüsse junger Menschen sind
Von Daniel Claeßen
Sie haben Tradition, viele Mitglieder und müssen dennoch um ihr Image kämpfen: Studentenverbindungen in Deutschland. Trunksucht und Rechtsradikalismus werden den so genannten Korporationen gerne nachgesagt. Ein Bild, das dringend der Korrektur bedarf. Es gibt verschiedene Arten von Verbindungen, die bei weitem nicht alle über einen Kamm zu scheren sind. Die meisten Korporationen sind in Dachverbänden zusammengeschlossen. Da gibt es zum Beispiel den Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV), mit über 30.000 Mitgliedern der größte katholische Akademikerverband in Europa. "Hier ist Fortschritt Tradition" - so wirbt der CV auf der Titelseite seiner Infobroschüre. Doch für die meisten Studenten hat das Tragen der bunten Mützen und alten Reiteruniformen, wie es im CV und in anderen Verbänden auf großen Veranstaltungen üblich ist, herzlich wenig mit Fortschritt zu tun. Und bei dem Wort "Tradition" winkt der Studi von heute gähnend ab. Was also soll den CV für moderne Studenten interessant machen? "Ich denke, es ist für jeden jungen Studenten interessant, Teil eines Lebensbundes zu sein", meint Ulf Reermann, der als Vorortspräsident dem aktiven CV vorsteht. Wer einer Verbindung beitritt, ist das erste Jahr als "Fux" sozusagen ein Mitglied auf Probe, bevor er danach als "Bursch" vollständig in den Bund aufgenommen wird. In die Verbindungen des CV werden nur katholische, männliche Studenten aufgenommen. Ist das noch zukunftsträchtig? "Ein Mitgliederschwund ist schon da", gibt Reermann zu, "deshalb gibt es ja auch eine Werte- und Strukturkommission, die sich mit dem Problem befasst." Die Aufnahme von Frauen sowie Nicht-Katholiken sind zwei der insgesamt 51 Empfehlungen, die nun diskutiert werden müssen. "Zunächst ist es jeder Verbindung vor Ort selbst überlassen, wie sie die Prinzipien des Verbandes vertritt", sagt Reermann. Die Prinzipien des CV - das sind Religion, Wissenschaft, Freundschaft und das Vaterland. Gerade letzteres bewegt viele dazu, die Nase zu rümpfen. "Die Verantwortung eines jeden Bürgers für den Staat wird geprägt durch aktive Mitgliederschaft auf allen Ebenen des Gemeinwesens", heißt es dazu in der Infobroschüre. Ziel sei ein vereintes Europa, ohne dabei das eigene Kulturerbe zu vergessen. Zwei weitere große Verbände, der Unitas-Verband (UV) und der Kartellverband der katholischen deutschen Studentenvereine (KV), haben das "Katholizitätsprinzip" aufgegeben, die Verbindungen dieser beiden Verbände nehmen also Nicht-Katholiken auf. Im UV gibt es sogar sechs Studentinnen-Vereine. Ein weiterer Unterschied ist das Fehlen von Band und Mütze: IM CV ist das Tragen der eigenen Verbindungsfarben Pflicht, KV und UV lehnen dies ab. Lediglich in einer Sache herrscht Übereinstimmung: Die "Mensur", das studentische Fechten, ist bei allen dreien verboten. Eine Tatsache, die für Konfliktstoff zwischen den schlagenden, also Mensur-praktizierenden, und nichtschlagenden Verbindungen sorgt. Mensuren sind elementarer Bestandteil der Verbindungen, die in den Dachverbänden Deutsche Burschenschaften (DB), Kösener Senioren-Conventsverband (KSCV), Weinheimer Senioren-Convent (WSC) und Coburger Convent (CC) zusammengefasst sind. Die deutschen Burschenschaften bilden dabei mit 15.000 Mitgliedern den stärksten Verband. Doch auch hier gehen die Zahlen zurück, denn gerade heute ist es schwierig, Praktiken wie die Mensur als zeitgemäß zu verkaufen, weshalb einige Burschenschaften sich selbst als "fakultativ schlagend" bezeichnen - die Mitglieder können fechten, müssen aber nicht. Der KSCV erklärt auf seiner Homepage, was die Mensur für den Studenten bedeutet: "Indem er seine inneren Widerstände überwindet, entwickelt er sich charakterlich weiter. Er zeigt damit, dass ihm die Gemeinschaft seines Bundes mehr wert ist als abratende Stimmen aus der Umgebung." Gerade wegen ihrer Einstellung zu Ehre und Vaterland sind vor allem die schlagenden Verbindungen als politisch rechts verschrien. Als Gegenreaktion pochen KSCV, WSC und CC auf das Toleranzprinzip: Ihre Mitglieder sind weder an Staatsangehörigkeit noch an eine Konfession gebunden, und auch politisch ist keine Richtung vorgegeben. Der Coburger Convent stellt klar: "Extremisten haben bei uns nichts zu suchen". In die Verbindungen der DB werden nur deutsche Studenten aufgenommen, Konfession und politische Gesinnung spielen dabei jedoch keine Rolle. Was bewegt einen jungen Studenten dazu, heutzutage einer Verbindung beizutreten? Viele Korporationen werben mit der Tatsache, dass von einer Zugehörigkeit zu einem Freundschaftsbund auch das Studium profitiert. Die akademischen Leistungen stehen jederzeit im Vordergrund und werden teilweise sogar kontrolliert, zudem gibt es Hilfestellung durch ältere Semester. "Ich habe mir das Leben hier gut vier Monate angeschaut. Danach war ich überzeugt, dass die Verbindung eine Bereicherung für mich wäre", meint Marco Litzerath von der CV-Verbindung "Sauerlandia" in Münster. Das Gemeinschaftsgefühl und die große Rolle der Religion haben ihn vor allem überzeugt, ebenso der Erfahrungsaustausch zwischen Studenten und Akademikern, den "Alten Herren". Von so genannten Seilschaften, wie sie Kritiker im späteren Berufsleben der Korporierten vermuten, will er nichts wissen: "Ich muss mich für einen Job qualifizieren, so wie jeder andere auch. Wo ich meine Qualitäten unter Beweis stelle, ist jedem selbst überlassen." Eine Sache ist wohl allen Verbindungen gemein: Die hohe Stellung des Bieres. Doch zum Trinken gezwungen wird niemand, wie alle Verbände beteuern.
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Dies ist ein Beitrag zur Presseschau der Burschenschaft Normannia-Nibelungen zu Bielefeld zum Thema Studentenverbindungen. Die Burschenschaft Normannia-Nibelungen zu Bielefeld macht sich nicht den Inhalt dieses Artikels zu eigen. Kommentare zu dem Artikel durch die Burschenschaft Normannia-Nibelungen sind im Text deutlich gekennzeichnet.