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SCHWÄBISCHES TAGBLATT 04.05.2003
Schaich: Nicht wissen macht nichts
Uni-Rektor forderte beim Verbindungsfestakt im Uni-Festsaal einen neuen Anfang
TÜBINGEN. Für Universitäts-Rektor Eberhard Schaich war es der Versuch eines "neuen Anfangs", für das "Bündnis gegen das Hofieren reaktionärer Seilschaften" handelte es sich um eine neue Qualität der Anbiederung. Der Arbeitskreis Tübinger Verbindungen lud am Samstagabend zum Festakt in die Neue Aula. Schaich sprach vor rund 300 Zuhörern, darunter zahlreiche Burschenschaftler in vollem Wichs, ein Grußwort. Studentische Kritiker durften nicht in den Festsaal. Sie informierten vor der Veranstaltung in einem Hörsaal und diskutierten mit Verbindungsleuten. Das Thema von Festredner Prof. Michael Erhardt lautete "scientia est potentia" (Wissen ist Macht). Doch nicht alle konnten die Rede des ehemalige Berliner Wissenschaftssenator hören. Während drinnen das Instrumental-Ensemble der Tübinger Musikschule aufspielte, saß das Häuflein Kritiker vom studentischen "Bündnis gegen das Hofieren reaktionärer Seilschaften" geknickt vor dem Clubhaus. Eigentlich hatte der Zusammenschluss von Asta-Leuten und linken Hochschulgruppen im Festsaal protestieren wollen. "Kritische Stimmen müssen draußenbleiben", regte sich einer von ihnen auf. Nichtwissen machte in diesem Fall wenig: Den Vortrag hatten sie sich bereits im Internet besorgt. Der Andrang der Verbindungsleute begann eine Stunde vor Beginn des Festakts. Im Café gegenüber kippten Burschenschaftler Weizenbier, vor der Neuen Aula patroullierten ein paar Korporierte blass und nervös rauchend. Etwa 50 Neugierige hörten in Hörsaal eins dem Links-Bündnis zu und hörten auch Basis-Infos: "Nur zwei Verbindungen lassen Frauen zu." Insgesamt gebe es um die 30 Verbindungen in Tübingen, davon acht schlagende. Für Bündnis-Sprecher Tobias Kaphegy sind Verbindungs-Feierlichkeiten in zentralen Hochschul-Räumen an anderen Universitäten unüblich. "Das ist keine Normalisierung, sondern ein Sonderfall der Uni Tübingen", sagte der Politologe. Kulturwissenschaftler Matthias Möller sprach von "Doppelmoral". Laut einem internen Hochschulgutachten würden Tübinger Verbindungen außerhalb der Hochschule stehen. Doch: "Gleichzeitig profitieren die Verbindungen von den Vergünstigungen für studentische Gruppen." Möller lieferte eine "Chronologie der Normalisierungen" seit Oktober 1998. Unter anderem hatte die Hochschulleitung die Verbindungs-Farben am "Dies universitas" zugelassen. "Mittlerweile sind Bändel erlaubt, aber verbindungskritische Inhalte bleiben verboten", kritisierte das Bündnis. Durch das "Hofieren der Verbindungen" werde das Studierendenmilieu "polarisiert wie in den letzten zehn, 15 Jahren nicht mehr", fand Möller. Und Kaphegy sah in der gemeinsamen Einladung von Festakt-Veranstaltern und Hochschul-Pressestelle eine "neue Qualität". In der Info-Veranstaltung saßen zumindest ein Dutzend Verbindungsleute. Ein Sprecher aus dem "Verband alter Tübinger Wingolfiten und Nibelungen", der zu dem Festakt eingeladen hatte, regte sich auf: "Warum nennt man uns nicht tolerant? Wir geben uns alle Mühe und laden zu Parties ein." In der Diskussion sagte er auch: "Von den...[...weiter] Seite 2 ... Ereignissen beim Kapp-Putsch haben wir uns schon lange distanziert." Droben liefen derweil die Gäste ein. Wie berichtet, hatte OB Brigitte Russ-Scherer ihr Grußwort abgesagt, nachdem die schlagenden Verbindungen auf das Maisingen bestanden hatten. Der Festakt war nicht-öffentlich, doch Medien waren ausdrücklich eingeladen. In der Praxis sah das so aus: Die Deutsche Presseagentur durfte rein, der Reporter vom Alternativ-Sender "Wüste Welle" musste trotz Presseausweis draußenbleiben. Im Festsaal war kein Protest zu sehen. Zwischen den Zuhörer/innen saßen grüppchenweise Verbindungsleute mit roten, blauen, grünen und orangen Mützen. Das Links-Bündnis verhandelte erfolglos am Eingang. Im Vorfeld hatte ihnen die Uni-Verwaltung signalisiert, auch sie könnten zuhören. Davon wollten die Burschenschaftler nichts wissen. Sie hätten den Saal gemietet, übten sie das Hausrecht aus. "Das gab es meines Wissens seit 1932 nicht mehr." Klaus Kalliga von der "Alten Turnerschaft Palatia" begrüßte im Festsaal "Aktive und alte Herren des überwiegenden Teils der Tübinger Verbindungen in der Prunkstube der Universität". Nach einem Rückblick über 200 Jahre Burschenschafts-Geschichte warb Kalliga für Zusammenarbeit zwischen Universität und Verbindungen. "Unsere Verbindung zur Universität ist intakt." Auch Regierungspräsident Hubert Wicker saß unter den Zuhörenden. Uni-Rektor Eberhard Schaich sprach das Grußwort: "Diese Universität ist für dieses wie für andere Feste offen. Ich möchte der Rektor einer Universität sein, an der der gegenseitige Respekt von Gruppierungen dominiert." Für Schaich sind Argumente "die einzige zulässige Waffe". Der Rektor sagte auch: "Es ist Zeit geworden, die Distanz und Entfremdung zwischen Verbindungen und Universität zu hinterfragen. Es ist Zeit, einen neuen Anfang zu wagen." Dann skizzierte er die Rolle der Verbindungen im NS-Staat. "Die nationalsozialistischen Hilfstruppen der Universität sind damals die Studierenden gewesen, die die Hakenkreuzfahne hissten", so Schaich. Die Beziehung der studentischen Verbindungen zum Nationalsozialismus sei "höchst vielschichtig" gewesen, es habe weder einhellige Zustimmung noch Ablehnung gegeben. "Uns allen ist es aufgegeben, mit unserer Geschichte zu leben", sagte der Uni-Rektor. Er äußerte sich auch zum Maisingen: "Ich habe den Eindruck, dass das denjenigen besonders ans Herz gewachsen ist, die lautstark dagegen protestieren." Seiner Ansicht nach ist das Maisingen "rechtens, aber entbehrlich". Text: Matthias Reichert SCHWÄBISCHES TAGBLATT 04.05.2003 Online Redaktion: Klaus-Peter Eichele
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